Burkhardt 2

Im Magistrat fing man gewöhnlich um 7:30 Uhr an zu arbeiten. Das war im Vergleich zu anderen Betrieben relativ spät. Burkhardt war es recht. Der Pförtner hatte ihm einen Besucherschein ausgehändigt, den er in Endrikats Abteilung abstempeln sollte. Endrikat hatte den Pförtner gebeten, ihn durchzulassen. Wenn der Besucher schon nicht persönlich abgeholt wurde, sollte er wenigstens einen Schein abstempeln lassen. Ein wenig nachlässig hier, die Jungs, dachte Burkhardt. Endrikat kam ihn entgegen, als er an dessen Bürotür klopfte und öffnete. Er war ein langer, schlaksiger Mann mit angehender Glatze.
»Guten Morgen, Genosse Endrikat.«, grüßte Burkhard laut. Endrikat nahm die ausgestreckte Hand und blickte zum Nachbarbüro, dessen Zwischentür offen stand.
»Guten Morgen. Dass mit dem Genossen lassen Sie mal lieber gleich. Wir sind hier für alle Bürger dieser Stadt da. Kleiner Scherz, aber ernst gemeint.« 
Burkhardt lächelte. Er hätte es als Affront werten können, aber sein Gegenüber hatte recht. Mehr Aufmerksamkeit bei seinem Einsatz als Offizier im besonderen Dienst täte ihm gut.
»In Ordnung, Herr Endrikat.«
Volker nickte zufrieden und zeigte auf einen freien Schreibtisch.
»Sie wurden mir für zwei Tage die Woche angekündigt?«, fragte Volker.
»Plus freie Zeiteinteilung bei Bedarf. So will es die Abteilung für offene Vermögensfragen beim Ministerium.«
»Mir soll´s Recht sein. Von welchem Ministerium auch immer.«
Burkhardt hatte seinen Mantel an die Garderobe gehängt und nahm am freien Schreibtisch Platz.
»Ich stelle Sie der Abteilung vor, wenn wir um 10 Uhr unser wöchentliches Treffen haben. Und ich wette, dass mein Chef Sie gleich mal sprechen möchte. Das ist allerdings Ihr alleiniger Part.«
»Danke.«, sagte Burkhardt. Er liebte klare Ansagen. Obwohl sein Schreibtisch noch ziemlich leer und verlassen aussah.
»Und was Sie noch wissen sollten, Herr Lenz: in 14 Tagen gehen die Verkaufsverhandlungen in eine Endphase. Sie sollten sich mit den bereits verhandelten Punkten vertraut machen. Ebenso mit den noch strittigen. Ob für die Verhandlungen zwei Tage wöchentlich reichen, müssen Sie wissen. Ich hole die Akten, während Sie beim Chef sind.« Volker wandte sich zum Gehen. Als er in die Tür halb geöffnet hatte, rief Burkhardt: »Wo finde ich den Chef?«
»602«
»Danke. Herr Endrikat, lassen Sie uns zum Essen nachher in die Markthalle gehen. Ich habe da noch etwas auf dem Herzen.«
Volker öffnete die Tür ganz und ging die Akten holen. Burkhardt konnte sich denken, dass sie beim Chef lagen. Endrikat sah in ihm einfach einen Anstandswauwau, den es nicht noch galt, an die Hand zu nehmen. Sollte der sich doch allein zurechtfinden.