Michael 6

Bei Reichelts flimmerte die Kiste. Helmut Kohl und Erich Honecker reichten sich die Hand und aus dem Lautsprecher hörte Michael Bundeskanzler Helmut Kohl und Staats- und Parteichef Erich Honecker trafen in Moskau am Rande der Trauerfeierlichkeiten zu einem zweistündigen Meinungsaustausch zusammen.
»Man, die sterben ja wie die Fliegen.«, sagte Emma, Pinos Mutter, und zündete sich eine Cabinet an.
»Mal sehen, welchen Greis es als nächsten trifft.« Pino stand auf und wollte Michael in sein Zimmer geleiten.
»Hallo Michael. Wie geht´s Deinen Armen? Wieder alles ok?«, wollte Emma wissen.
»Alles bestens.«
»Und wer hat Dich nun in die Zange genommen?«
»Keine Ahnung. Haben sich nicht vorgestellt.«, grinste Michael. Die beiden Jungs zogen sich in Pinos Zimmer zurück.
»Weißt Du es wirklich nicht?«, fragt Pino ihn. Nein, Michael hatte Gabriele nichts von dem Überfall erzählt. Er spürte, dass sie davon nichts wusste. Entweder hatte es ihr Mann nicht erzählt, oder dieser wusste ebenso von nichts. So oder so war es klüger, die Sache auf sich beruhen zu lassen.
»Haste schon was vor im Sommer?«, fragte Michael.
»Nee, nur keine Postkarte an den Jugendherbergsverband.«
Michael lachte. Letzten Frühling hatten sie eine Anfrage an den Verband gestellt mit Bitte um eine Unterkunft im Juli. Ein paar Tage vor ihrem geplanten Urlaub trudelte tatsächlich ein Brief ein. Darin ein Zettel in der Größe einer Postkarte mit der Nachricht, dass es für sie in der Jugendherberge der Stadt Brandenburg eine Übernachtungsmöglichkeit für eine Woche gebe. Nicht, dass ihr Urlaub nicht schön war, aber die Ostsee oder die Berge hätten es schon sein können.
»Ok. Dann trampen wir einfach an die Ostsee. Mal sehen, wohin uns die Reise führt.«
»Mal sehen, ob unsere Knochen dann nicht in Gips liegen. Unsichere Zeiten hier, in der Sackgasse.«, grummelte Pino. Michael wertete das als Zustimmung. Pinos Frettchen in der Schrankwand wachte kurz auf und ließ einen Furz.
»Vielleicht wohne ich ja bald nicht mehr hier«, sagte Michael.
»Ach so? Ziehst du jetzt zu Frau Endrikat? Hat sie dich erhört?«
»Im Gegenteil. Jetzt kommt der Bruder ihres Mannes sie besuchen. Sie hat mich gebeten, vorerst nicht bei ihr zu klingeln. Ist ein Westler.«
»Na, und wo ziehst du dann hin?«
»In die Wilhelminenhofstrasse. Kennst du den Herrenausstatter?«
»Nee.«
»Doch. Da am Kran. Ist ja egal. Und wahrscheinlich klappt es ja auch nicht.«
»Nein. Denn dann wärst du der jüngste, der jemals in der DDR eine eigene Wohnung gekriegt hat.«
»Kann sein. Hab neulich zwei Penner, oder zumindest zwei Männer kennengelernt, die dem Alkohol sehr zugeneigt sind. War zum ersten Mal in einer Kneipe mit Soldaten und Suffköppen an einem Tisch. Die haben mir erzählt, dass bei ihnen im Haus noch eine Wohnung frei ist. Die beiden wohnen zusammen in einer. Das schärfste, die haben sie einfach besetzt. Es hieß mal, dass Haus wird abgerissen. Da haben alle Mieter eine neue Wohnung bekommen. Bleibt jetzt aber stehen, da es zwischen den Fabrikgebäuden auf der Spreeseite steht.«
»Und du meinst, du bekommst die Wohnung? Haben die einen Schlüssel?«
»Ja. Aber der Strom ist abgestellt. Jedenfalls haben sie mir ihr Wohnungsantragsformular gegeben. Hab es mit meinem Namen ausgefüllt und bei der KWV abgegeben.«
»Nie im Leben bekommst du diese Wohnung, Alter.« Pino schüttelte mit dem Kopf.
»Auch gut. Dann können wir weiter gassi gehen.«
»Apropos.«